Ankerbetrieb

Als Ankerbetriebe (auch Anchor-Stores, aus der Sicht eines Vermieters: Ankermieter, Anchor tenants) werden jene Handelsunternehmungen bezeichnet, die durch ihre Kompetenz, ihre große Fläche und ihre Angebotsvielfalt in ihrem Segment breite Verbraucherschichten in eine Fußgängerzone / Innenstadt oder in ein Einkaufszentrum ziehen. Sie sollen damit auch den Erfolg der umliegenden Einzelhandelsbetriebe stützen. In Einkaufszentren werden Ankerbetriebe auch als Ankermieter bezeichnet.

In der Vergangenheit waren Warenhäuser, Textilkaufhäuser, Elektronik-Fachmärkte, Großbuchhandlungen, Sporthäuser sowie SB-Warenhäuser und Verbrauchermärkte die wichtigsten Ankerbetriebe bzw. -mieter. Inzwischen ist die Bedeutung der Warenhäuser, der Buchhandlungen, der Sporthäuser sowie der SB-Warenhäuser und Verbrauchermärkte so deutlich zurückgegangen, dass sie nicht mehr grundsätzlich als Ankerbetriebe zu bezeichnen bzw. anzutreffen sind. Allein die Elektronik-Fachmärkte und einige Konzepte – besonders die jüngeren - der Textilkaufhäuser erfüllen noch die ursprüngliche Funktion und Bedeutung der Ankerbetriebe. Grund für diesen Wandel ist der gewachsene Kundenwunsch, ein möglichst umfassendes Angebot für die interessierende Artikelgruppe vor Augen geführt zu bekommen. Die in den letzten Jahrzehnten entstandenen Einzelhandelsfachgeschäfte erfüllen diesen Wunsch und liefen damit den Warenhäusern den Rang ab. Viele Einzelhandelsfachgeschäfte stellen nun jeweils einen Teil des Sortiments der ehemaligen großflächigen Ankerbetriebe noch kompetenter dar. Diese Veränderung des Kundenwunsches und des sich daraus ergebenden geänderten Kaufverhaltens führten dazu, dass für eine funktionierende Innenstadt oder ein funktionierendes Einkaufscenter die Bedeutung früherer Ankerbetriebe überwiegend stark abgenommen hat. Wichtig geworden sind zunehmend die aktuellen Magnetbetriebe / Magnetmieter des Einzelhandels, die heute im Fokus des Verbrauchers stehen.

Einen besonderen Stellenwert hat der Begriff Ankermieter bei der Planung von Shopping-Centern. Auch hier handelt es sich bei einem Ankermieter nach seiner ursprünglichen Bedeutung um einen meist großflächigen Einzelhandelsbetrieb, dessen Funktion es ist, der oder ein Hauptanziehungspunkt im Einkaufszentrum zu sein. Voraussetzung hierfür ist seine in den meisten Fällen einzigartige Stellung im Einzugsgebiet mit hohem Bekanntheitsgrad und die über sein Sortiment verbundene Ansprache der überwiegenden Anzahl von Kunden sowie eine hohe Sortimentskompatibilität mit einer möglichst großen Anzahl der übrigen, flächenmäßig meist kleineren Geschäfte im Shopping-Center. Damit ist der Ankermieter in der Lage, innerhalb des Centers die Kopplungsbereitschaft der Besucher zu erhöhen (One-Stop-Shopping) und – an strategisch günstigen Stellen der Mall platziert – einen hohen Kundenstrom für alle Mietflächen zu generieren. Außerhalb des Shopping-Centers bestimmt er weitgehend die Grenzen des Einzugsbereichs und ist imageprägend. In der Phase der Projektentwicklung kann seine Auswahl die Projektfinanzierung absichern helfen und Einfluss auf das Grundstück- und Gebäudedesign sowie die Raumaufteilung und das Nutzungsprogramm nehmen. Dieser Bedeutungsumfang drückt sich auch darin aus, dass das International Council of Shopping-Centers (ICSC) das Auftreten von Ankerbetrieben neben der Gesamtfläche als wesentliches Kriterium für die Klassifikation der beiden bedeutendsten Shopping-Center-Typen heranzieht (vgl. Regional Center, Super Regional Center).(1) Dabei liegt der Anteil der Ankermietfläche an der Gesamtmietfläche je Typ zwischen 50 % und 70 %. Die Auswahl eines Ankerbetriebs für ein Shopping-Center richtet sich nach dessen strategischer Positionierung. Folgt es schwerpunktmäßig der Ökonomisierungsstrategie (Preisorientierung), werden je nach Gesamtgröße großflächige Lebensmittel-Betriebe (Supermärkte bis SB-Warenhäuser) oder auch Fachmärkte als Ankermieter gewählt. Bei Wahl der Präferenzstrategie (Erlebnisorientierung) werden Warenhäuser sowie Fachkaufhäuser aus dem Textilbereich oder der Unterhaltungselektronik bevorzugt. Ein Beispiel für die Auswahl und Platzierung von Ankerbetrieben in einem Shopping-Center zeigt Abbildung B-8.

Die Warenhäuser haben mit dem Attraktivitätsverlust ihres Betriebsformenkonzepts als Ankermieter von erlebnisorientierten Shopping-Centern deutlich an Bedeutung verloren. An ihre Stelle treten vielfach neue Formen der Textilkaufhäuser und aktuelle Markenstores, welche auf Grund ihrer geringeren funktionalen Bedeutung für das Kundenverhalten im Shopping-Center eher als Magnetbetriebe oder Magnetmieter zu bezeichnen sind. Diese Veränderungen haben auch dazu geführt, dass im deutschen Sprachgebrauch Anker- und Magnetbetrieb bzw. Anker- und Magnetmieter oft synonym verwendet wird.(2)

Beispiele:

  • Textilkaufhäuser:
    • P&C
    • C&A
    • Wöhrl
    • K&L Ruppert
    • H&M
    • ZARA
  • Unterhaltungselektronikhäuser
    • Media Markt
    • Saturn
    • EXPERT
    • MEDIMAX
    • ProMarkt
  •  Großbuchhandlungen
    • Thalia
    • Hugendubel
    • Mayersche
  • Sportfachgeschäfte
    • Sport Scheck
    • Intersport Voswinkel
    • Sporthäuser
  •  Beispiele für teilweise ehemalige Ankermieter / Ankerbetriebe
    • Galeria Kaufhof
    • Karstadt
    • Hertie
    • Woolworth
    • Kaufhalle

Quellen

  • Definitionen zur Einzelhandelsanalyse © gif Gesellschaft für Immobilienwirtschaftliche Forschung e. V., 01. Februar 2014
  • (1) ICSC: U.S. Shopping-Center Classification and Characteristics. April 2013. www.icsc.org/uploads/research/general/US_CENTER_CLASSIFICATION.pdf (Abruf. 12.8.2013)
  • (2) Lange, Caroline (2009): Vertikal strukturierte Einkaufszentren in Innenstädten. 4.3 Anker und Satelliten